Was ein Großvater sagt, wenn sein Enkel weint, entscheidet über Jahre seines Selbstvertrauens

Wenn ein Kind plötzlich anfängt, Sätze wie „Ich bin dumm“ oder „Niemand mag mich“ zu sagen, trifft das Großeltern oft mitten ins Herz. Man möchte sofort trösten, korrigieren, aufmuntern – und weiß gleichzeitig nicht genau, wie. Diese Unsicherheit ist vollkommen normal, und sie zeigt vor allem eines: dass dir das Wohlbefinden deines Enkels wirklich am Herzen liegt.

Warum Kinder anfangen, sich selbst schlecht zu reden

Bevor man reagieren kann, lohnt es sich zu verstehen, warum Kinder solche Aussagen machen. Negative Selbstaussagen bei Kindern sind selten einfach nur eine Phase oder Dramatik. Sie entstehen häufig durch Vergleiche mit Gleichaltrigen – besonders in der Schule, wenn ein Kind das Gefühl hat, langsamer oder schlechter zu sein als andere. Auch wiederholte Misserfolge in Bereichen, die dem Kind wichtig sind, spielen eine Rolle. Dazu kommt Kritik aus dem Umfeld – manchmal unbewusst, manchmal von Erwachsenen, die es gut meinen. Und nicht zuletzt kann soziale Ausgrenzung – echte oder wahrgenommene Ablehnung durch Gleichaltrige – dazu führen, dass ein Kind an sich selbst zweifelt.

Ein Kind, das sagt „Ich kann nichts richtig machen“, erlebt gerade eine Welt, die sich für es falsch anfühlt. Es sucht keine Widerlegung – es sucht jemanden, der zuhört.

Der häufigste Fehler: sofort widersprechen

Die instinktive Reaktion der meisten Erwachsenen ist, das Kind sofort zu korrigieren: „Das stimmt doch gar nicht! Du bist sehr klug!“ Gut gemeint – aber oft kontraproduktiv.

Warum? Weil das Kind in diesem Moment nicht nach einer Gegenmeinung sucht, sondern nach emotionaler Bestätigung. Wenn du sofort widersprichst, fühlt es sich möglicherweise nicht ernst genommen oder missverstanden. Das Gespräch endet, bevor es wirklich begonnen hat.

Stattdessen empfehlen Kinderpsychologen einen Ansatz, der auf aktives Zuhören setzt – also zunächst das Gefühl des Kindes anzuerkennen, bevor man überhaupt versucht, etwas zu verändern.

Was du konkret sagen kannst – und wie

Als Großelternteil hast du einen entscheidenden Vorteil: Du bist nicht der Elternteil. Großeltern können eine andere Form der Zuwendung geben als Eltern – sie sind gelassener und erwarten nichts. Eltern wünschen sich, dass Kinder irgendwann Dinge alleine können, Großeltern sind zufrieden mit dem, was das Kind jetzt ist. An oberster Stelle stehen Zuwendung und das Anteilnehmen am Leben der Enkel. Du hast weniger Autoritätsdruck und bist oft der sichere Hafen, die Person, bei der das Kind ohne Konsequenzen reden kann. Nutze das.

Schritt 1: Spiegle das Gefühl, ohne es zu bewerten

Anstatt zu sagen „Das stimmt nicht“, probiere: „Das klingt, als würdest du dich gerade wirklich schlecht fühlen. Magst du mir erzählen, was passiert ist?“ Diese einfache Umformulierung öffnet Türen. Das Kind fühlt sich gehört, nicht belehrt.

Schritt 2: Neugierig fragen, nicht diagnostizieren

Versuche herauszufinden, was hinter der Aussage steckt. Fragen wie „Wann hast du das zum ersten Mal gedacht?“ oder „Gibt es jemanden, der das gesagt hat – oder ist das ein Gefühl, das einfach kommt?“ haben eine starke Wirkung. Sie helfen dem Kind, seine eigenen Gedanken zu sortieren, und dir, besser zu verstehen, wie tief das Problem wirklich geht. Auch die Frage „Was wäre für dich anders, wenn du diesen Gedanken nicht hättest?“ kann überraschend viel bewirken.

Schritt 3: Echte Erlebnisse teilen, keine Floskeln

Kinder spüren sofort, wenn Erwachsene Phrasen verwenden. Statt „Jeder ist gut in etwas“ – ein Satz, der zwar wahr ist, aber nichts bewegt – ist eine persönliche Geschichte viel wirkungsvoller: „Weißt du, als ich in deinem Alter war, dachte ich auch oft, dass ich das nie hinkriegen würde. Ich erinnere mich noch genau an das Gefühl.“ Diese Ehrlichkeit baut Brücken. Sie signalisiert: Du bist nicht allein. Und es ist möglich, da raus zu kommen.

Was du langfristig tun kannst

Ein einzelnes Gespräch wird nichts grundlegend verändern – aber es kann der Anfang von etwas Wichtigem sein. Langfristig geht es darum, einen kontinuierlichen, sicheren Raum zu schaffen, in dem dein Enkel weiß: Beim Opa oder bei der Oma kann ich so sein, wie ich bin.

Dafür helfen Rituale des gemeinsamen Tuns: Aktivitäten, bei denen das Kind Kompetenz erleben kann – Kochen, Basteln, Gartenarbeit. Nicht als Therapie verkleidet, sondern als echtes Miteinander. Gemeinsame Zeit mit Großeltern hält Kinder aktiv und fördert das Gehirn weiter, während gleichzeitig die kognitiven Fähigkeiten der Großeltern gestärkt werden. Auch das Normalisieren von Fehlern ist wichtig: Wenn du selbst Fehler machst – und sie laut benennst, ohne dich fertigzumachen – lernt das Kind durch Beobachtung mehr als durch jede Predigt. Schließlich sind positive Beobachtungen wertvoll, wenn sie spezifisch sind: Nicht „Du bist toll“, sondern „Ich habe gerade gesehen, wie geduldig du dabei warst. Das finde ich wirklich beeindruckend.“

Wann professionelle Hilfe sinnvoll ist

Es gibt Momente, in denen das Engagement als Großelternteil allein nicht ausreicht – und das ist keine Niederlage, sondern Realismus. Wenn das Kind regelmäßig und intensiv über Selbsthass oder Wertlosigkeit spricht, sich sozial vollständig zurückzieht oder körperliche Symptome zeigt wie Schlafstörungen, Appetitlosigkeit oder häufige Bauchschmerzen, dann ist es wichtig, das Gespräch mit den Eltern zu suchen und gemeinsam einen Kinderpsychologen oder eine Beratungsstelle einzubeziehen. In Deutschland bieten beispielsweise die Erziehungsberatungsstellen der Caritas, der AWO oder der Diakonie kostenlose und niedrigschwellige Unterstützung an.

Deine Rolle als Großelternteil ist nicht, alles zu lösen. Sie ist, da zu sein – konsequent, liebevoll und ohne Bedingungen. Kinder, die eine enge Beziehung zu ihren Großeltern haben, haben ein deutlich geringeres Risiko, an Depressionen zu erkranken. Manchmal ist genau das die wirksamste Unterstützung, die ein Mensch einem Kind geben kann.

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